Tim Sternatz · SystemSelect · Herstellerunabhängige Softwareauswahl
· 10 Min Lesezeit
Einordnung
Laut der Panorama Consulting ERP-Studie 2024 überschreiten 65 % der ERP-Projekte das Budget und 74 % den Zeitplan. Die Trovarit ERP-Anwenderzufriedenheitsstudie 2023 nennt für den DACH-Mittelstand vergleichbare Werte (61 % Budget-Überschreitungen, mittlere Projektverzögerung 5,7 Monate). Selten liegt es am System — meistens an den gleichen 7 Fehlern, die sich über Branchen und Unternehmensgrößen wiederholen. Wer sie kennt, kann sie vor Projektstart ausschließen.
Die 7 häufigsten Fehler bei ERP-Projekten
Fehler 1: Anforderungen unklar vor Anbieterauswahl
Das häufigste Muster: Anbieter werden eingeladen, bevor der eigene Prozessbedarf dokumentiert ist. Ergebnis: die Demo wird zur einzigen Anforderungsanalyse. Anbieter verkaufen ihre Stärken – nicht die Lösung des Problems. Keine strukturierte Anforderungsanalyse bedeutet: keine belastbare Entscheidungsgrundlage.
Fehler 2: Anbieter zu früh ausgewählt
Wer nach zwei Demos eine Entscheidung trifft, hat oft die teuerste Variante gewählt oder wichtige Alternativen nicht geprüft. Eine strukturierte Longlist → Shortlist → Bewertungsmatrix → Demo-Phase ist kein bürokratischer Aufwand, sondern die Voraussetzung für eine fundierte Entscheidung.
Fehler 3: Datenmigration unterschätzt
Datenmigration ist in fast jedem ERP-Projekt das größte unterschätzte Risiko. Datenqualität im Altsystem ist schlechter als erwartet, Feldmapping ist komplex, Testmigrationen fehlen. Faustregel: Datenmigration kostet 20–30 % des Gesamtbudgets. Wer das nicht einplant, gerät in Zeitdruck kurz vor Go-Live.
Fehler 4: Schnittstellen zu spät geplant
ERP, CRM, WMS, Webshop, Buchhaltung – die meisten Unternehmen haben 5–10 Systeme, die mit dem neuen ERP kommunizieren müssen. Schnittstellen werden oft erst in der Implementierungsphase konkretisiert. Ergebnis: ungeplante Kosten, verzögerter Go-Live, manuelle Überbrückungslösungen.
Fehler 5: Fachbereiche zu wenig eingebunden
ERP-Projekte werden häufig IT-getrieben geplant, ohne systematische Einbindung von Einkauf, Produktion, Vertrieb und Buchhaltung. Wer die Prozessanforderungen der Fachbereiche nicht kennt, kann keinen Prozessfit beurteilen. Akzeptanzprobleme nach Go-Live sind vorprogrammiert.
Fehler 6: TCO nicht vollständig betrachtet
Lizenzkosten sind nur ein Teil der tatsächlichen Kosten. Implementierungspartner, Datenmigration, Schulung, Customizing, Jahreswartung und Betrieb summieren sich auf das 3–5-fache der Jahreslizenz. Ohne TCO-Vergleich über 5 Jahre ist jede Preisentscheidung unvollständig.
Fehler 7: Change Management unterschätzt
Technisch kann das ERP-Projekt erfolgreich sein und trotzdem scheitern – weil Mitarbeitende das System nicht annehmen. Change Management bedeutet: frühzeitige Kommunikation, Einbindung von Key-Usern, Schulungskonzept und Begleitung nach Go-Live. Es ist kein Soft-Faktor, sondern Projektrisiko.
Checkliste: Vor dem ERP-Projekt
Anforderungsanalyse vor erstem Anbieterkontakt abgeschlossen
Longlist und Shortlist erstellt und dokumentiert
Datenmigration als eigenständiges Teilprojekt geplant
Schnittstellenkataster vollständig vor Vertragsabschluss
Fachbereiche in Anforderungsworkshops eingebunden
TCO über 5 Jahre für alle Finalisten berechnet
Change-Management-Plan und Key-User-Konzept vorhanden